Leseproben
Über dieses Buch
Sommer 1980: Für einen Fan gestandener Siebziger-Jahre-Rockbands wie Uriah Heep, Slade oder Status Quo gibt es kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt, um erwachsen zu werden. Doch nicht nur sein rückwärts gewandter Musikgeschmack macht dem fünfzehnjährigen Ruprecht Rüdebusch den Alltag schwer. Seine oft linkische und zunehmend verzweifelte Suche nach dem passenden weiblichen Gegenstück läuft ein ums andere Mal ins Leere, und was soll er erst nach dem Abitur mit seinem Leben anfangen?
Der Autor
Thomas Wilkens, 1964 in Oldenburg geboren, greift in seinem Romandebüt viele eigene Jugenderlebnisse auf. Unter richtigem Namen arbeitet er seit mehr als zwanzig Jahren als Wirtschaftsredakteur für verschiedene namhafte Publikationen, ferner hat er in der Vergangenheit diverse Fachbücher zum Thema Geldanlage veröffentlicht.
Leseprobe Erster Sommer
Kapitel I
Wenige Meter, bevor Ruprecht den Gartenzaun erreichte, trat er noch einmal kräftig in die Pedale. Dann ließ er das Fahrrad langsam ausrollen und sprang ab. Er blickte auf die Uhr, es war kurz vor neun. Obwohl die Sonne noch tief stand, würde es wohl ein heißer Tag werden. In diesem Moment steckte seine Mutter, die ihn ins Dorf Einkaufen geschickt hatte, ihren Kopf aus der Milchkammertür. „Ich sitz' grad unter der letzten Kuh, du kannst schon Tee kochen“, rief sie und verschwand gleich wieder.
Ruprecht schob das Fahrrad in den Schuppen und ging in die Küche. Er füllte den Teekessel mit Wasser, stellte ihn auf den Gasherd und deckte eilig den Frühstückstisch. Tassen und Besteck, Brot und Aufschnitt aus der Speisekammer, dazu Käse und die frischen Brötchen aus der Einkaufstasche. Dann schnappte er sich das blaue DIN-A-4-Heft, das er zusammen mit den Brötchen gekauft hatte, und ging in sein Zimmer. Dort setzte er sich an den Schreibtisch. In ungelenken Buchstaben schrieb er auf den Einband:
Ruprecht Rüdebusch
Tagebuch
17. Juli 1980
bis
Die letzte Zeile ließ er offen.
Der Gedanke war Ruprecht schon vor einigen Tagen gekommen. An diesem Donnerstag, dem ersten Tag der Sommerferien, wollte er ihn endlich in die Tat umsetzen. Einen Moment wunderte er sich über sich selbst. Eigentlich hatte er es immer albern gefunden, ein Tagebuch zu führen. Das war Mädchensache, nichts für einen Jungen, der in zwei Monaten sechzehn wurde. Wie schnell man doch seine Meinung ändern kann, schoss es ihm durch den Kopf. Er schlug das Heft auf.
Da saß er nun vor der ersten Seite und wusste nicht, wie er anfangen sollte. Unweigerlich schweiften Ruprechts Gedanken ab, wanderten zurück an jenen Samstag, der den Ausschlag gegeben hatte für seinen Sinneswandel. Der vergangene Samstag hatte ihn verändert. Er fühlte sich erwachsener. Gewiss, er war auch vorher kein Kind mehr gewesen. Doch zum ersten Mal wurde Ruprecht bewusst, dass die Kindertage von einst der Vergangenheit angehörten. Er ging einem neuen Abschnitt seines Lebens entgegen. All das, was dort auf ihn wartete, wollte er einfangen und für immer festhalten.
Ruprecht erinnerte sich noch gut an die Geburtstage, die er früher mit seinen Freunden gefeiert hatte. Sie waren zu elft, alles Bauernjungen aus den umliegenden Dörfern. Der Kontakt war auch nicht abgerissen, als Ruprecht vor drei Jahren aufs Gymnasium nach Oldenburg kam und die anderen die Realschule im Ort besuchten. Obwohl sie älter wurden, verliefen die Geburtstage immer gleich: Sie saßen in der guten Stube, es gab Sprudel und Kuchen, anschließend tollten sie im Garten umher, spielten Fußball oder fuhren auf ihren Fahrrädern durch die Gegend. Die erste Veränderung hatte es im Januar gegeben. An seinem fünfzehnten Geburtstag bewirtete Holger, einer der engsten Freunde von Ruprecht, seine Gäste nicht mehr mit Sprudel, sondern mit Bier. Allerdings nur zwei Flaschen für jeden, mehr hatte Holgers Mutter nicht erlaubt.
Auf der Geburtstagsfeier von Rainer am vergangenen Samstag – er war der Älteste und wurde sechzehn – war alles anders. Sie saßen nicht mehr im Wohnzimmer, Rainer hatte mit seinem Vater die Garage ausgeräumt, Tische und Stühle aufgestellt und sogar eine kleine Lichtorgel installiert. Im Hintergrund war eine Stereoanlage aufgebaut, auf den Tischen standen Bier, Weinbrand und Cola. Noch etwas war neu: Sie waren nicht mehr zu elft, Rainer hatte noch weitere Jungen und auch Mädchen aus seiner Klasse eingeladen.
Zwei der neuen Mädchen – Frauke und Britta – kannte Ruprecht. Er war mit ihnen zusammen auf der Orientierungsstufe, hatte in der sechsten Klasse die gleichen Kurse besucht. Weil aber die beiden am anderen Ende des Tisches saßen, kümmerte Ruprecht sich zunächst nicht weiter um sie. Er war zusammen mit Bernd gekommen, der im gleichen Dorf nur einige Höfe weiter wohnte, und hatte, da sie etwas später als die anderen eintrafen, nur einen Stuhl in der Nähe des Eingangs ergattert. Dort kam es schon bald zu einem Streitgespräch zwischen Holger und Bernd, wie sich ein Mofa besser frisieren lasse, durch einen dickeren Krümmer oder ein kleineres Ritzel.
„Alles Kinderkram“, warf Thorsten ein, der ebenfalls zugehört hatte. „Ihr müsst den Kolben feilen, dann geht das Ding ab wie 'ne Rakete.“
Thorsten fuhr das schnellste Mofa in der Clique, wenn er voll aufdrehte, hatte auch Ruprecht Schwierigkeiten, ihm zu folgen.
Die Stunden vergingen, es wurde Abend. Ruprecht nippte mittlerweile an seinem vierten Bier. Es war das erste Mal seit drei Monaten, dass er wieder Alkohol trank. Demonstrativ hatte er zuvor nach den ersten einschlägigen Erfahrungen jeden Tropfen von sich gewiesen. Das erste Mal, während einer Klassenfete auf dem Gymnasium, in deren Verlauf fast alle Jungen ihre Cola trotz strengstem Alkoholverbot mit weißem Rum mischten, mussten Ruprechts Klassenkameraden ihn mit vereinten Kräften in den Schulteich tunken, ehe er wieder zur Besinnung kam. Später übergab ihn dann der Klassenlehrer an seine entsetzten Eltern, die gegen halb zehn mit dem Auto gekommen waren, um ihn abzuholen.
Nur vier Wochen später, auf der Konfirmation eines Vetters, gaben ihm Bier, Wein und schließlich Kirschlikör den Rest. Zwar gelang es Ruprecht, seinen Zustand bis zum Aufbruch zu verbergen. Doch kaum rollten unter ihm die Räder, war es mit seiner Beherrschung vorüber. Ohne Vorwarnung musste er sich übergeben, wieder und wieder. An das Gezeter seines Vaters und die missbilligenden Blicke seiner Mutter erinnerte sich Ruprecht nur ungern. Seither glaubte er aber, seine Grenzen zu kennen.
„Na, wo bist du denn mit deinen Gedanken?“
Ruprecht, der einen Moment lang nicht auf seine Umgebung geachtet hatte, blickte auf. Neben sich sah er Frauke sitzen. Sie trank einen großen Schluck aus ihrem Glas und füllte dann Weinbrand und Cola nach. „Willst du auch 'nen Charly?“ fragte sie.
„Danke, ich hab' noch Bier.“
Rainers Ruf „Das erste Fleisch ist fertig“, unterbrach die Unterhaltung. Sein Vater hatte im Garten einen Grill aufgebaut, daneben stand ein Tisch mit Tellern, Besteck und einer riesigen Schüssel Kartoffelsalat. Im allgemeinen Durcheinander wurde Frauke von Britta in Beschlag genommen, die sie zum Buffet zog. Ruprecht, der ihnen nachsah, hatte den Eindruck, dass beide nicht mehr ganz nüchtern waren.
Angetrunkene Mädchen waren eine neue Erfahrung für ihn – wie Mädchen überhaupt. Zwar hatte Ruprecht, solange er sich erinnern konnte, immer für irgendein Mädchen seiner Umgebung geschwärmt und sich in seiner Fantasie ausgemalt, sie sei seine Freundin. Doch bei diesen Fantasien blieb es – auch dann, als er vierzehn und schließlich fünfzehn wurde und sich am Gymnasium und in seiner Clique die ersten Pärchen bildeten. Ruprecht wusste nicht, warum er bislang leer ausgegangen war. An seinem Aussehen konnte es nicht liegen. Davon war er überzeugt, wann immer er sich selbstkritisch im Spiegel betrachtete; die im Vergleich zu seinen Altersgenossen muskulöse und hochgeschossene Gestalt, das Gesicht mit dem zarten Oberlippenbart – der ihm, so fand er, ganz besonders gut stand – und die kastanienfarbenen Haare. Die braune Hornbrille gegen die leichte Kurzsichtigkeit, ungeliebte Begleiterin seit frühen Vorschultagen, setzte Ruprecht nur noch selten auf.
Bestätigt in seinem Selbsturteil fühlte sich Ruprecht dadurch, dass sich vereinzelt durchaus Mädchen für ihn interessierten. Doch die Lücke zwischen dem, was er sich in seinen Träumen ausmalte, und dem, was sich ihm bislang anbot, klaffte so groß, dass er in Gedanken bereits vor Monaten enttäuscht den Rückzug von allem Weiblichen angetreten hatte und nach außen so tat, als interessiere er sich nur für Fußball, Musik und Kartenspielen. Ruprecht warf einen abschätzenden Blick zu Frauke hinüber, die sich gerade von Rainer eine Grillwurst auf den Teller legen ließ. Nein, mit ihrer kurzen blonden Dauerwelle und der zwar nicht pummeligen, aber doch eher durchschnittlichen Figur sah sie nicht so aus, als ob sie ihn aus seinem selbstgewählten Schmollwinkel locken könnte. Wie groß mochte sie wohl sein? Höchstens einen Meter sechzig.
„Habt ihr schon gehört? Die haben den Schah umgelegt – von Zimmer hundertvierzehn auf Zimmer zweihundertsiebenundzwanzig.“
Ruprecht kannte den Witz, den Thorsten gerade zum Besten gab, schon vom Gymnasium. Trotzdem stimmte er in das Gelächter der anderen ein. Die Stimmung war locker, der Alkohol löste die Zungen.
Plötzlich stand Frauke, den Rest ihrer Wurst noch in der Hand, wieder neben ihm.
„Makaber, findest du nicht?“ schmatzte sie.
Ruprecht zuckte die Schultern. Das Schicksal des todkranken Reza Pahlewi interessierte ihn nicht sonderlich.
Er sah auf die Uhr, die Zeiger standen auf kurz vor halb zehn. Allmählich wurde es dunkel. Trotzdem blieb es angenehm warm.
Frauke wich nicht mehr von seiner Seite.
„Kommst du noch mit zu Buchholz?“ fragte sie.
„Klar“, antwortete er.
Die Clique hatte schon vor dem Grillen vereinbart, im späteren Verlauf des Abends nach Wüsting zu fahren. Dort, im Gasthof Buchholz, dessen Inhaber an den Wochenenden regelmäßig Discoabende veranstalteten, gab es an diesem Samstag eine Freiluftfete. Thorsten saß bereits auf seinem Mofa und drängte zum Aufbruch.
Frauke stand noch immer neben Ruprecht.
„Kannst du mich hinten draufnehmen?“
Drei der Mädchen waren mit dem Auto gebracht worden, hatten also keine Mitfahrgelegenheit.
Ruprecht nickte nur stumm. Er holte Jacke und Sturzhelm aus dem Haus und drückte den Helm Frauke in die Hand. Sie nahm ihn, stieg hinter Ruprecht auf und verschränkte ihre Hände vor seinem Bauch. Die Sitzbank, nur für eine Person ausgelegt, reichte gerade eben für zwei. Nachdem auch die beiden anderen Mädchen untergebracht waren, setzte sich ein knatternder und lärmender Pulk aus Mofas und Fahrrädern in Bewegung.
Sie mieden die Hauptstraßen, um mit ihren Passagieren nicht einer Polizeistreife in die Hände zu fallen. Auf den Weiden, die sie passierten, drehten einige Kühe verschreckt den Kopf nach ihnen um. Thorsten, der alleine fuhr, führte das Feld an. Ruprecht hielt sich in der Mitte. Bei Frauke, die sich immer noch mit beiden Händen an ihm festklammerte, konnte er landen, das war offensichtlich. Doch er wusste nicht, ob er es wollte.
Noch ehe sie Buchholz erreichten, wies ihnen laute Musik die Richtung. Sie fuhren an der Gaststätte vorbei und parkten etwa hundert Meter entfernt, auf dem Bauernhof eines Klassenkameraden der anderen. Ruprecht stellte den Motor aus und rollte langsam auf die Hofeinfahrt. Er und Frauke stiegen ab, sie gab ihm den Helm zurück. Nachdem alle Mofas abgeschlossen waren, marschierten sie los. Vor dem Eingang zur Freiluftfete – auf dem Hinterhof der Gaststätte waren eine riesige Anlage und eine Tanzfläche aus Holz aufgebaut – hatte sich eine lange Schlange gebildet, die nur langsam vorankam.
„Ich lad' dich ein“, sagte Frauke plötzlich, als sie die Kasse erreichten. Noch ehe Ruprecht antworten konnte, legte sie sechs Mark auf den Tisch und bekam dafür zwei Tanzbänder ausgehändigt. Eins davon reichte sie Ruprecht. Er bedankte sich und befestigte es an seiner Armbanduhr.
„Warum trägst du denn deine Uhr rechts? Bist du Linkshänder?“ wollte Frauke wissen.
„Nur so“, antwortete er. „Links trägt sie doch jeder.“
Frauke zögerte einen Augenblick, dann nahm sie ihre Uhr vom linken Arm und legte sie nach rechts. Es gelang ihr nicht beim ersten Versuch, das Band zu befestigen, und es sah etwas ungeschickt aus. Als sie es endlich geschafft hatte, blickte Frauke zu Ruprecht auf.
„Nicht jeder“, sagte sie lächelnd.
Das imponierte ihm, er lächelte zurück.
Ruprecht wurde plötzlich unsicher. Frauke war nicht das, was er sich unter seiner ersten Freundin vorstellte – trotzdem fand er sie nett und spürte das Verlangen, seine Chance zu nutzen. Er wusste nur nicht wie. Ob er einfach den Arm um sie legen sollte? Sie waren nicht allein. Die anderen standen um sie herum, auch wenn sie im Moment niemand beachtete. Was, wenn sie doch nicht wollte?
Seine Blase drückte schon wieder, obwohl er kurz vor der Abfahrt bei Rainer noch auf der Toilette gewesen war. „Ich komm’ gleich wieder“, murmelte er. Holger und Bernd schienen den gleichen Gedanken zu haben und folgten ihm. Wie auf Kommando setzte sich daraufhin die ganze Gruppe in Bewegung und schob sich durch die Menschenmassen Richtung Haupthaus. Auf dem Flur herrschte großes Gedränge, bereits an der Tür zum Männerklo kam ihnen ein stechender Geruch entgegen. Ruprecht fiel ein Spruch seines Chemielehrers ein: „In Pferdeställen und auf dem Pissoir riecht es nach Ammoniak.“ Er war der einzige, der noch einen freien Platz erwischte, Holger und Bernd mussten warten.
„Mach’ mal dicht, das muss ich nich’ unbedingt sehn“, meinte Frauke, als Ruprecht zurückkam. Sie lehnte mit den anderen an der Wand neben der Tür, die nach draußen führte. Britta stand bei der Frauentoilette an. Dort reichte die Schlange bis auf den Gang. Ruprecht klappte die Tür mit dem H zurück und stellte sich neben Frauke.
Sie standen lange nebeneinander, schweigend, während rings um sie herum alles in Bewegung schien. Ruprecht fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Wenn sie doch den Anfang machen würde! dachte er immer wieder. Doch Frauke rührte sich nicht, und schließlich nahm er seinen ganzen Mut zusammen. So unbeteiligt wie möglich – als gehöre er gar nicht zu ihm – hob er den linken Arm und schob ihn langsam zu Frauke hinüber. Noch zögerte er einen Moment, doch dann legte er den Arm um ihre Schulter. Ruprecht wagte es nicht, sie dabei anzusehen. Tief im Hals hörte er sein Herz klopfen und erwartete insgeheim, dass sie ihn sofort zurückstoßen würde. Als nichts dergleichen geschah, packte er ein wenig fester zu.
„Kommst du mit raus?“ fragte er.
Engumschlungen, ohne sich weiter um die anderen zu kümmern, bahnten sie sich ihren Weg ins Freie und kamen erst in der Nähe der großen Holzplattform zum Stehen. Die Menge tanzte zu Funkytown.
So standen sie eine ganze Weile. Obwohl Ruprecht angespannt war, versuchte er locker zu wirken. Sie sprachen über die Schule, über gemeinsame Bekannte. Er fragte nach ihrer Telefonnummer.
„In einer halben Stunde holt mein Vater mich ab“, sagte sie. Es klang wie eine Aufforderung.
Ruprecht wurde es wieder heiß, glaubte er doch zu wissen, worauf sie wartete. Noch zögerte er, aber dann beugte er sich langsam zu ihr hinunter und presste seine Lippen auf ihren Mund.
Es war ein eigenartiges Gefühl. Zumindest anders, als er sich seinen ersten Kuss vorgestellt hatte. Ob besser oder schlechter, vermochte er nicht zu sagen. Beim zweiten Kuss ließ er die Augen offen, beim dritten öffnete er den Mund ein klein wenig. Sofort nutzte Fraukes Zunge diesen Spielraum und kam zu ihm herüber. Zunächst erschrak Ruprecht etwas, machte aber mit beim feuchten Spiel. Gleichzeitig strich er mit den Fingern über ihr Haar.
„Kommst du frühstücken?“ Ruprecht erschrak, als er plötzlich die Stimme seiner Mutter hinter sich hörte.
„Sofort“, rief er.
Hastig klappte er das Heft zu und schob es in die oberste Schreibtischschublade. Dann stand er auf und ging in die Küche. Dort saß der Rest der Familie bereits am Tisch. Sein Vater las Zeitung, Reinhard, sein fünf Jahre jüngerer Bruder, blätterte in einem Micky-Maus-Heft. Onkel Gustav saß wie immer im Lehnstuhl neben der Tür. Genaugenommen war Gustav Ruprechts Großonkel, der Onkel seiner Mutter. Seit seinem zweiten Lebensjahr hatte er Kinderlähmung, konnte nicht laufen und nur die rechte Hand ohne größere Einschränkung bewegen. Ruprechts Mutter, die im Alter von fünfzehn Jahren auf den Bauernhof ihrer Großeltern gekommen war, pflegte ihn seither. Dafür hatte sie, als Ruprechts Urgroßeltern starben, den Hof überschrieben bekommen.
„Guten Morgen“, sagte Ruprecht und setzte sich auf seinen Platz am Fenster.
„Morgen“, antwortete Gustav.
Seine Mutter schenkte Tee ein.
„Was liegt denn heute so an?“ fragte Ruprecht zwischen zwei Bissen. Ihm war klar, dass der erste Ferientag nicht ohne Arbeit an ihm vorübergehen würde.
„Ich muss gleich zwei Queenen zum Schlachthof bringen“, sagte sein Vater, ohne von der Zeitung aufzublicken. „Wenn du willst, kannst du mitkommen.“
...
Kapitel III
Mit einem leisen Stöhnen drehte sich Ruprecht auf die andere Seite des Bettes. Der erste Reiz, der ihn durch seine noch halb geschlossenen Lider hindurch erreichte, war blau und stammte von der gemusterten Tapete seiner Zimmerwand. Noch immer leicht benommen registrierte er, wie die Rollladen hochgezogen wurden. „Beeil dich, es ist schon halb sieben“, sagte seine Mutter.
Mit schlurfenden Schritten schlich Ruprecht ins Badezimmer, zog die Pyjamajacke aus und wusch Gesicht, Arme und Oberkörper mit lauwarmem Wasser. Danach zog er sich an und setzte sich an den Küchentisch. Mechanisch verstaute er als erstes die Tupperdose mit den Pausenbroten, die seine Mutter geschmiert hatte, in seinem Tornister.
„Wann kommst du heut' nach Hause?“ fragte sie.
„Woher soll ich das am ersten Schultag wissen? Ich hab' doch noch keinen Stundenplan,“ antwortete er etwas unwirsch, fügte aber gleich hinzu: „Wahrscheinlich um zwölf.“
Um Punkt sieben Uhr sprang er auf, verschwand ein weiteres Mal im Bad und rannte dann, seinen Tornister unter dem Arm, zum Wagenschuppen. Dort griff er sich sein Fahrrad und strampelte los. Der Bus nach Oldenburg fuhr im Nachbardorf ab, etwa vier Kilometer entfernt – wenn man wie Ruprecht die kürzeste Verbindung nutzte: eine noch vor dem Krieg aus klobigem Blaubasalt erbaute Verbindungsstrasse, vorbei an Wiesen, Weiden und Rübenfeldern. Mit dem Fahrrad war sie kaum passierbar, doch links von ihr schlängelte sich auf dem Gras ein schmaler Sandstreifen entlang, den Ruprecht regelmäßig nutzte. Längst kannte er jede Delle im Boden und verstand es, an einigen Stellen geschickt auszuweichen, an anderen wiederum Schwung zu holen und so einen Moment ganz ohne Treten auszukommen.
An diesem noch immer sommerlich warmen Morgen hatte Ruprecht leichten Rückenwind, und so fuhr er schon nach knapp neun Minuten am Bauernhof von Holgers Eltern vorbei. Von dort waren es nur noch dreihundert Meter bis zur Bushaltestelle. Wie üblich trat Ruprecht ein letztes Mal kräftig in die Pedale. Kurz vor dem Wartehäuschen überholte er noch Frank, einen Klassenkameraden, der etwas weiter an der Straße wohnte und, die Schultasche lässig über die Schulter geworfen, ebenfalls auf die Haltestelle zuspazierte. „Hallo“, rief Ruprecht, fast schon im Abspringen, bevor er routinemäßig auf die Uhr schaute: Elf Minuten nach sieben, noch genau fünf Minuten bis zur Abfahrt.
Der Bus kam pünktlich, und so blieb den beiden nicht lange Zeit, ihre Ferienerlebnisse auszutauschen. Frank ergatterte einen Platz direkt hinter dem Fahrer, während Ruprecht sich auf die Stufen des hinteren Ausstiegs setzte. Das war nicht sonderlich bequem, aber immer noch besser, als die ganze Fahrt über zu stehen. Die Wahrscheinlichkeit dafür war schon eine Haltestelle später recht hoch – auch das ein Grund dafür, warum Ruprecht nicht den gut ausgebauten Fahrradweg an der Bundesstraße nutzte, der zu diesem Haltepunkt führte.
Die Fahrt nach Oldenburg verlief ohne größere Verzögerungen. Weder waren die Schranken in Osternburg geschlossen, noch gab es den während des Berufsverkehrs durchaus üblichen Stau vor der Kreuzung zur Cloppenburger Straße. Auch die über den Küstenkanal führende und täglich von mindestens zwei Dutzend Schiffen passierte Cäcilienbrücke war nicht gehoben. Deshalb überquerte der Bus die Brücke bereits kurz nach halb acht und stoppte wenige Sekunden später an der dem Museum für Landesgeschichte gegenüberliegenden Haltestelle. Von dort bis zum Gymnasium waren es nur wenige Minuten Fußweg, und die freie Zeit bis zum Unterrichtsbeginn um zehn vor acht überbrückten Ruprecht und Frank, indem sie mit Frerk, einem etwas dicklichen, aber immer gutgelaunten Jungen aus der Parallelklasse, einige Partien Skat spielten.
...
Kapitel V
Unabhängig von Manuelas Entscheidung, die ihn gänzlich unvorbereitet getroffen hatte, verschlechterte sich Ruprechts Stimmung in den kommenden Wochen beinahe von Tag zu Tag. Es war November, und das allgemeine, mit der nasskalten Witterung und der frühen Dämmerung verbundene Grau in Grau setzte ihm wie in fast jedem Jahr zu. Nichts Neues also; trotzdem war Ruprecht von der Intensität der ihn plötzlich umgebenden Tristesse ebenso überrascht wie überwältigt. Vielleicht, so sinnierte er, lag es daran, dass in diesem Jahr gleich mehrere Auslöser zusammentrafen, die sich zum Teil bedingten und dadurch gleichzeitig gegenseitig verstärkten.
Fast noch mehr als die Erinnerung an Manuela belasteten ihn zum Beispiel seine schulischen Leistungen oder, präziser ausgedrückt, Nicht-Leistungen. So hatten sich sowohl in Chemie als auch in Physik seine ohnehin bescheiden angesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Schriftlich stand er nach den ersten Klausuren jeweils glatt auf Vier, in Chemie mündlich sogar auf Fünf. Ähnlich kritisch sah es in Biologie aus. Vor wenigen Tagen erst hatte ihm Frau Schleiff eine nach bestem Wissen und Gewissen angefertigte Hausarbeit genussvoll zerpflückt, und die unmittelbar bevorstehende Klausur zum Thema Mikroorganismen schien wenig geeignet, eine Trendwende herbeizuführen. Insgesamt, so Ruprechts düstere Hochrechnung, dürfte sein Halbjahreszeugnis im Januar mehr Vieren als Zweier aufweisen, und vielleicht musste er sich sogar zum ersten Mal überhaupt in seiner schulischen Laufbahn in einem Fach das Prädikat „Mangelhaft“ bescheinigen lassen.
Anders als in früheren Jahren fand Ruprecht nicht die Kraft, gegenzusteuern und sich aufzubäumen. Ganz im Gegenteil, er verlor immer mehr die Lust. War Schuleschwänzen für ihn bislang allenfalls Samstags ein Thema gewesen, wenn er lieber über den Flohmarkt am Schlossplatz zog, so nutzte er in diesem Herbst praktisch jede günstige Gelegenheit, dem Unterricht fern zu bleiben. Wie neulich morgens, als der erste Schnee fiel und Frank bereits an der Bushaltestelle frohlockte „Heut' kommen wir garantiert zu spät“. Es waren dann am Ende nur fünf Minuten, doch da niemand aus ihrer Klasse ihre Aussage wiederlegen konnte, es seien exakt fünfundvierzig Minuten gewesen, spielten sie bis zu Beginn der zweiten Stunde in aller Ruhe mit einem mühelos aufgetriebenen dritten Mann einige Runden Skat. Wie sie später erfuhren, war Berthold Klinge ihr Fehlen noch nicht einmal aufgefallen.
Ruprecht bereiteten derartige Aktionen zwar kein schlechtes Gewissen, doch verschärften sie indirekt seine größte Sorge, nämlich die, wie es im nächsten Jahr weitergehen sollte. Nicht, dass er seine Versetzung ernsthaft gefährdet sah. Der Kern des Problems lag woanders. Selbst wenn er bis zum Abitur auf der Schule bliebe, eines Tages würde er sich für einen Beruf entscheiden müssen. Aber für welchen? Ruprecht hatte nicht die leiseste Ahnung. Er hatte keine besonderen Fähigkeiten, die ihn für die eine oder andere Laufbahn prädestinierten – oder sie schlummerten so tief in ihm, dass sie bisher nicht zum Vorschein gekommen waren. Sicher, er verfügte über ein ausgezeichnetes Zahlen- und Namensgedächtnis, und mit kniffligen Schreibweisen oder den vier Grundrechenarten hatte er noch nie Probleme gehabt. Doch einen staatlich geprüften Rechtschreiber oder Multiplizierer gab es in der Berufswelt nicht. Ebenso wenig die Position des wandelnden Lexikons für Geschichte, Fußball und Rockmusik, für die er zweifellos eine hervorragende Besetzung gewesen wäre.
Ein – wenn auch sehr exotischer – Beruf, der tatsächlich existierte und für den er sich lange Jahre lebhaft interessierte, war der des Comic-Zeichners. Früher konnte er Stunden damit verbringen, seine Lieblingshelden aus den damals sehr beliebten Zack-Alben – Leutnant Blueberry, Lucky Luke, Bruno Brazil, Andy Morgan, Michel Vaillant, Mick Tangy, Luc Orient, Dan Cooper – abzuzeichnen, die erstaunlich originalgetreuen Schwarzweiß-Skizzen füllten dann ganze DIN-A-4-Mappen. Sich neue Geschichten oder gar eigene Helden auszudenken, dafür mangelte es ihm allerdings an Fantasie. Ebenso scheiterte er regelmäßig, wenn er mit Farben experimentierte oder versuchte, Menschen, Landschaften und Gegenstände ohne direkte Vorlage zu Papier zu bringen. Die Erkenntnis dieser Defizite hatte ihn eines Tages den Bleistift entnervt aus der Hand legen lassen.
Letztlich, so seine düstere Analyse, lief alles auf dasselbe Grundübel hinaus: Er war schlicht und ergreifend zu dämlich, um das, was er in der Theorie wusste, in die Praxis umzusetzen und dort entsprechend fortzuentwickeln. Deshalb hatte er auch bereits wieder Abstand von einem weiteren möglichen Berufsziel genommen, nämlich dem des Dolmetschers. Englisch und Französisch gehörten zu seinen besten Fächern, er beherrschte die Grammatik perfekt und machte auch dort kaum Rechtschreibfehler. Seine Aussprache jedoch war erbärmlich, ganz abgesehen davon, dass ihm, wenn er im Unterricht mit seinen Kenntnissen glänzen wollte, die richtigen Vokabeln partout nicht einfielen.
Angesichts seiner Unentschlossenheit empfand Ruprecht es auf der einen Seite als klaren Vorteil, dass er sich im Gegensatz zu seinen Freunden auf der Realschule nicht bereits in diesem Winter zwingend für einen Beruf entscheiden musste. Andererseits packten ihn immer stärkere Zweifel, in dieser Frage überhaupt einen entscheidenden Schritt voranzukommen – ganz abgesehen davon, dass ihm der Gedanke, sich drei weitere Jahre durchs Gymnasium quälen zu müssen, alles andere als ein Vergnügen erschien.
Vielleicht, so eine ganz neue Variante in seinen Überlegungen, sollte er ja doch nach der zehnten Klasse zusammen mit Holger und Bernd die Landwirtschaftsschule besuchen. Diese Vorstellung erfüllte ihn zwar auch nicht mit besonderer Vorfreude, aber sie war bequem: Um das Thema Jobsuche brauchte er sich später keine Gedanken zu machen, der Hof war schließlich da. Und seine Eltern, stolz darauf, dass die Familie ihn in direkter Blutslinie seit fast dreihundert Jahren bewirtschaftete, wären auf einen Schlag das Nachfolgerproblem los. Immerhin erweckte Reinhard, obwohl durch das Jüngstenerbrecht rein formell begünstigt, bislang ebenfalls nicht den Eindruck, als ob er an einer späteren Übernahme großes Interesse habe.
Mehr als eine Woche lang überlegte Ruprecht hin und her, las die alten Ausbildungsbücher seines Vaters, die dieser ihm etwas erstaunt, aber ohne näher nachzufragen aushändigte, sah sich in Gedanken in eigener Verantwortung Felder pflügen, Korn säen, Silo fahren, Kühe versorgen, Kälber aufziehen, das alles an dreihundertfünfundsechzig Tagen im Jahr – und kam zu dem Schluss, dass darin unmöglich sein Lebensziel bestehen konnte. Diese Erkenntnis stürzte ihn postwendend in neue Verzweiflung, denn mit dem zwar nie offen ausgesprochenen, unterschwellig aber immer im Raum stehenden Wunsch seiner Eltern, den Rüdebusch-Hof in Familienbesitz zu halten, konnte sich Ruprecht durchaus identifizieren. Auf keinen Fall wollte er derjenige sein, dessen Unlust oder Unfähigkeit eine jahrhundertlange Tradition beendete. Doch selbst wenn Reinhard eines Tages in die Fußstapfen seiner Eltern träte und damit etwaige Schuldgefühle im Keim erstickte: In der Frage, was er aus seinem Leben machen sollte, brachte ihn das keinen Schritt weiter. Wie er es auch drehte und wendete, es blieb ein Teufelskreis.
...
Leseprobe Zweiter Sommer
Kapitel X
Siebenundzwanzig Tage mal acht Stunden mal sieben Mark. Ruprecht hatte schon Wochen zuvor ausgerechnet, wie viel Geld ihm sein Ferienjob auf der Ziegelei in etwa einbringen würde. Rund tausendfünfhundert Mark, ein ordentliches Sümmchen, das er im nächsten Jahr, wenn er sich sein erstes eigenes Auto kaufen wollte, gut gebrauchen konnte. Dass er dafür hart würde arbeiten müssen, war ihm im Januar klar geworden. Doch hart arbeiten musste er auch zuhause, ohne Bezahlung. Nein, er konnte von Glück reden, dass es geklappt hatte.
Die Arbeit, die Ruprecht an diesem ersten Tag verrichtete, war weitgehend dieselbe wie damals, allerdings mit dem großen Vorteil, dass ihm dieses Mal nicht bereits nach einer halben Stunde die Kälte in die Füße kroch. Deshalb wurde ihm auch die Zeit nicht lang, geduldig und mit einer sich schnell wieder einstellenden Routine kontrollierte er die an ihm vorbeiziehenden Steine auf Verformungen oder abgestoßene Stellen. Der Ausschuss hielt sich sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag in Grenzen. Die meiste Zeit lehnte er beschäftigungslos an der Balustrade und fegte von Zeit zu Zeit, um überhaupt etwas zu tun, mit dem Handfeger die Krümel von den Steinen.
So ließ es sich aushalten. Das einzige, was Ruprecht in diesem Moment gut hätte gebrauchen können, war etwas Musik. Zum Beispiel jene, die bei ihm zu Hause seit einigen Wochen aus den Lautsprechern kam: Ein Bekannter von Bernd hatte ihm The Story of Slade ausgeliehen, und die auf dieser Doppel-LP versammelten Hits der britischen Glamrocker, die er bis dahin nur vom Namen kannte und deren beste Zeiten lange zurück lagen, gingen ihm auf Anhieb ins Ohr. Mama weer all crazee now, Gudbuy T'Jane und Skweeze me, pleeze me mochten primitiv sein und die englische Rechtschreibung verderben, aber sie machten Laune.
Die Fließbänder der Ziegelei liefen in zwei Schichten, von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Schichtwechsel war um zwei Uhr nachmittags, und die fest angestellten Arbeiter wechselten in der Regel wochenweise den Rhythmus. Nachdem Ruprecht am Donnerstag und am Freitag der ersten Woche jeweils um sieben Uhr begonnen und bis fünf Uhr nachmittags gearbeitet hatte, teilte ihn Thorstens Vater für die kommende Woche zur Frühschicht ein. Ruprecht war das recht, denn in der Bezahlung für acht Stunden war eine Viertelstunde Frühstückspause inbegriffen, und nach der Mittagspause konnte er noch bis fünf, sieben oder sogar neun Uhr weiterarbeiten und auf diese Weise pro Tag über hundert Mark verdienen. Nach dem Schichtende machte er sich mal hier, mal dort nützlich oder räumte ganz einfach auf – Tätigkeiten, die ihn nicht großartig anstrengten und ihn überdies davor bewahrten, zuhause noch mit anpacken zu müssen. Inklusive des Samstagvormittags kam er so am Ende der Woche auf siebenundsechzig Stunden, und mit dieser Bilanz war er ausgesprochen zufrieden.
Am späten Samstag Nachmittag, er war gegen zwei Uhr nach Hause gekommen und hatte nach einer kurzen Pause zum ersten Mal seit dem vergangenen Wochenende wieder bei der Stallarbeit geholfen, forderte die Belastung ihren Tribut. Deshalb machte er erst gar nicht den Versuch, noch eine Verabredung zu treffen, sondern verbrachte den Abend gemütlich auf seinem Bett und lernte dabei die etwas ruhigeren Seiten von Slade schätzen. Songs wie Far far away, Summer song und vor allem Nobody’s fool waren eingängig und von einer schlichten Schönheit, wie er sie bislang noch nicht oft gefunden hatte. Musik für Leute „so um die sechzehn“ wollten Noddy Holder, Jim Lea, Dave Hill und Don Powell machen, hatte Ruprecht auf dem Cover der ausgeliehenen LP gelesen, und bei ihm hatten sie dabei ins Schwarze getroffen. Moderne Bands, die aktuell die Charts beherrschten, wollten das mit Sicherheit auch, scheiterten aber in seinen Ohren kläglich. Warum das so war und warum es bei den meisten seiner Altersgenossen glänzend gelang, war für ihn ein Rätsel und würde es wohl auf ewig bleiben.
Gegen halb elf fielen Ruprecht die Augen zu, und er schlief ohne Unterbrechung durch bis zum nächsten Morgen um zehn, als ihn seine Mutter mit den Worten „Thorsten ist am Telefon“ weckte. Schlaftrunken nahm er den Hörer in die Hand. Die Botschaft, die Thorsten ihm nach kurzer Begrüßung übermittelte, ließ ihn jedoch schlagartig wach werden. Falls Ruprecht am Nachmittag zuhause sein sollte, würden er, Ute und Vera ihn besuchen kommen. „Vera is’ wieder solo, wenn du 'nen guten Eindruck machst, geht da vielleicht was. Also halt dich ran.“
Ruprecht schluckte. „Ich bin da“, sagte er nur, und dann hatte Thorsten auch schon aufgelegt.
Vera solo, guten Eindruck, ranhalten, dieser Dreiklang bestimmte in den folgenden Stunden Ruprechts Denken. Sein Vater schien nicht besonders angetan von der Bitte, den Nachmittag frei nehmen zu dürfen, erhob aber keine Einwände. Ob Thorsten und seine Freundin – den Namen Vera hatte Ruprecht noch nicht erwähnt – mit Kaffee trinken würden, wollte seine Mutter wissen und kündigte an, noch ein zusätzliches Stück Butterkuchen aus der Tiefkühltruhe zu holen. „Die kommen erst gegen vier“, erwiderte Ruprecht und ließ sie doch gewähren.
Je näher der vereinbarte Zeitpunkt rückte, desto nervöser wurde er. Dass bei Vera möglicherweise etwas gehen würde, das konnte er sich nach ihrem Zusammentreffen im Krankenhaus ohne allzu viel Wunschdenken vorstellen. Aber dass es so schnell zu einem Wiedersehen käme und kein Dritter mehr einer möglichen Beziehung im Weg stand, davon hatte er noch einen Tag zuvor kaum zu träumen gewagt. Die folgenden Stunden boten ihm deshalb eine Chance, die er sich auf gar keinen Fall entgehen lassen durfte. Ranhalten, ranhalten, ranhalten.
Es war fast halb fünf, als Ruprechts Besuch endlich eintraf. Er begrüßte alle drei mit Handschlag und lotste sie in sein Zimmer, das für vier Personen eigentlich viel zu klein war. Wie bei früheren Anlässen dieser Art hatte er seine Bettdecke im Schrank verschwinden lassen und an ihrer Stelle eine Wolldecke platziert.
„Macht's euch bequem“, sagte er. „Wollt ihr was trinken? Kaffee, Tee, Sprudel, Bier?“
„Wir haben bei uns schon Kaffee getrunken, danke“, entgegnete Thorsten. Er zog seine Schuhe aus und setzte sich, Ute und Vera taten es ihm nach. Ruprecht legte seine Slade-Cassette ins Tapedeck und drückte den Startknopf.
„Ich hätt’ euch vorwarnen sollen, dass Ruprecht 'nen etwas schrägen Musikgeschmack hat“, sagte Thorsten, kaum dass die Boxen den ersten Ton freigegeben hatten.
„Was hörst du denn so?“ fragte Vera interessiert.
„Och, im Moment ziemlich viel Slade. Und natürlich Uriah Heep und AC/DC.“
„Slade? Kenn’ ich gar nicht, läuft das gerade? Klingt doch ganz gut, nicht so hart wie AC/DC, das mag ich eigentlich nicht so.“
„Na, dann lass’ ich Rose Tattoo wohl besser im Schrank.“
„Besser is' das“, warf Thorsten ein. „Und, wie schmeckt dir die Arbeit auf der Ziegelei so?“
„Staubig, ziemlich staubig. Wie Steine fegen eben so ist, du kennst das ja. Und ihr, liegt ihr von morgens bis abends in der Sonne und genießt die letzten Ferientage eures Lebens?“
„Schön wär’s“, stöhnte Vera. „Meine Mutter hält mich ganz schön auf Trab. Hast du vielleicht doch was zu trinken, Sprudel oder so?“
„Gelb oder blank?“
„Blank“, antwortete Vera. Ute schloss sich an. „Mir kannst du eigentlich doch’n Bier mitbringen“, rief Thorsten noch hinterher, als Ruprecht schon auf dem Weg in den Keller war.
Als Ruprecht mit den Getränken zurückkehrte, war seine ursprüngliche Nervosität fast verflogen. In den folgenden zwei Stunden bemühte er sich, ein charmanter Gastgeber zu sein, hielt die Unterhaltung am Laufen und erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass Vera noch zwei jüngere Brüder hatte, am 1. August eine Ausbildung als Steuerfachgehilfin beginnen würde und im Mai sechzehn geworden war. Sie war also kaum älter als Doris, aber immerhin, er würde nicht ihr erster Freund sein. Wenn es denn klappte. Ranhalten, Ruprecht, ranhalten.
Auf Thorsten wartete am Abend noch eine andere Verabredung, deshalb drängte er gegen sieben Uhr zum Aufbruch. Gerade als er aufstand, klopfte Ruprechts Mutter an die Tür und fragte, wie es mit Abendbrot aussähe. „Danke, is’ nett, aber heute nicht“, entgegnete Thorsten, und Ruprecht begleitete die drei nach draußen.
„Das nächste Mal treffen wir uns woanders“, sagte Thorsten mit leicht gequältem Gesichtsausdruck, bevor er sich auf seinen Sattel schwang. „Fahrradfahrn ist echt nicht mehr mein Ding.“
Sie verabredeten, in den nächsten Tagen noch einmal zu telefonieren, und Ruprecht winkte ihnen zum Abschied nach. Mit Befriedigung registrierte er, dass Vera sich als einzige noch ein zweites Mal zu ihm umdrehte und seinen Gruß erwiderte.
„Da geht was“, murmelte er zufrieden, während er Thoelke, der sich zu seinen Füßen niedergelassen hatte, den Nacken kraulte.
...
Kapitel XIII
...
Der Februar begann mit Nebel und Minusgraden, aber auch mit einem Ruck, den Ruprecht sich selbst zu geben versuchte. Es war höchste Zeit für etwas Neues, und wo ließ sich dieses Neue besser suchen als in einer unbekannten Umgebung? Das waren Ruprechts Gedanken, als er sich dafür entschied, Holger und Bernd am Wochenende allein zu Meiners fahren zu lassen und sich statt dessen Thorsten und Dagmar anzuschließen. Dagmars Nachbar, gleichzeitig Mitglied ihrer Clique, gab in Oldenburg eine Fete, und Thorsten hatte ihm angeboten mitzukommen. „Wenn du willst, nehm’ ich dich hinten drauf, Dagmar braucht den Platz Samstag ja nicht“, sagte er. Selbstredend war Ruprecht einverstanden.
Als sie gegen halb neun ihr Ziel im Stadtteil Kreyenbrück erreichten, begrüßte Udo, der Gastgeber, Thorsten wie einen guten alten Bekannten. Ruprecht dagegen warf er nur ein flüchtiges „Hallo“ zu und wandte sich dann den nächsten Gästen zu. Währenddessen kam Dagmar auf Thorsten zugestürmt und empfing ihn mit einem langen Kuss. „Ich geh schon mal rein“, sagte Ruprecht. Etwas neugierig war er schon, ob eine Stadtfete ähnlichen Regeln folgte wie eine Fete bei ihnen auf dem Land. Die Räumlichkeiten – eine Garage mit angebautem Partyschuppen – und die Musik waren zumindest ähnlich, so dass er sich durchaus heimisch fühlte. Außer Udo, Dagmar und ihrem Bruder schien es jedoch niemanden zu geben, den er kannte und zu dem er sich gesellen konnte.
Nachdem er seinen Helm in einer Ecke verstaut hatte, holte er sich ein Bier und startete einen Rundgang, wie er es von Buchholz und anderen Discotheken gewohnt war. Die Zahl der Gäste war natürlich nicht vergleichbar, doch sechzig oder siebzig Leute mochten es wohl sein, die sich in einem der beiden Räume aufhielten oder trotz Temperaturen nahe des Gefrierpunkts in kleinen Grüppchen auf dem gepflasterten Hof umherstanden. Etwas hilflos sah Ruprecht sich nach Thorsten und Dagmar um. Vielleicht konnte er in ihrer Nähe den einen oder anderen Kontakt knüpfen. Doch die beiden schienen an diesem Abend nur Augen füreinander zu haben, sie saßen eng aneinander gekuschelt auf einer der bereitgelegten Matratzen.
Ruprecht drehte eine Runde nach der anderen, doch Anschluss fand er nirgends. Schließlich verlor er die Lust und auch den Mut. Allmählich dämmerte es ihm, dass es ein Fehler gewesen war, sich auf der Suche nach Neuem auf komplett fremdes Terrain zu begeben. Doch vielleicht ließ sich daran ja noch etwas ändern, denn er hatte erst zwei Bier getrunken und war somit noch fahrtüchtig. Ob Thorsten ihm seine Maschine für eine Spritztour zu Meiners ausleihen würde?
„Was willst du? Zu Meiners?“ Thorsten schüttelte entschieden den Kopf. „Nicht mit meiner Maschine.“
„Warum denn nicht?“
„Das ist mir viel zu riskant. Du bist nur Mokickfahrn gewohnt, und es könnte glatt sein. Wenn du dich hinlegst, hab' ich den Schaden.“
„Ich hab' Eins B, genau wie du. Außerdem fahr' ich langsam.“
„Vergiss es.“ Damit war die Diskussion für Thorsten beendet, er wandte sich wieder Dagmar zu.
Wütend zog Ruprecht in Richtung Theke ab. Dort bestellte er einen extrastarken Charly und starrte entnervt auf die Tanzfläche, die sich gerade wieder zu füllen begann: Der Discjockey hatte Skandal im Sperrbezirk aufgelegt. Es folgten Blaue Augen und Goldener Reiter, bevor Hurra, hurra, die Schule brennt und Ich will Spaß die Stimmung weiter anheizten. Musik mit deutschen Texten war seit Monaten angesagt, und insgeheim schätzte Ruprecht diese Titel mehr als er jemals zuzugeben bereit wäre. Im Moment vermochten sie seine Stimmung jedoch nicht aufzuhellen.
Es wurde Mitternacht, ein Uhr, halb zwei. „Weißt du schon, wann du loswillst?“ fragte er Thorsten, als dieser aufstand, um für sich und Dagmar an der Theke zwei Cola zu holen. „Noch nicht“ war alles, was er zu hören bekam. Er orderte einen weiteren Charly und setzte sich dann auf eine leere Matratze, wo er müde und frustriert vor sich hinstarrte. Irgendwann schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, registrierte er plötzlich eine geöffnete Chipstüte, die sich von links seinem Kopf näherte. Überrascht sah er auf. Die Hand gehörte zu einem Mädchen, das am rechten Rand der Nachbarmatratze saß und ihn freundlich anlächelte. Hatte sie schon die ganze Zeit dort gesessen? Ruprecht musterte sie aufmerksam, während er in die Tüte griff. Sie war groß und sehr schlank, soviel ließ sich im Sitzen erkennen, und das schmale, aber hübsche Gesicht wurde von halblangen dunklen Strähnen eingehüllt.
Das „Danke“ das Ruprecht hervorstieß, schluckte die laute Musik, zumindest erwiderte seine Nachbarin nichts. Nur eine Minute später hielt sie ihm jedoch erneut die Tüte hin, und Ruprecht griff ein weiteres Mal zu – ein Spiel, das sich kurz darauf ein drittes Mal wiederholte. Ruprecht suchte nach den passenden Worten, um sie anzusprechen, doch Kopf und Zunge fühlten sich derart schwer an, dass er darauf verzichtete und es bei einem müden Lächeln beließ. Just in dem Moment, in dem er sich dann doch dazu durchringen wollte, etwas näher heranzurücken und eine Unterhaltung zu beginnen, setzte sich einer der Jungen aus Dagmars Clique auf die andere Seite und legte seinen Arm um die schöne Unbekannte. Ruprecht stand auf und warf einen fragenden Blick in Thorstens Richtung. Weil er von dort nur ein Kopfschütteln erntete, stapfte er verärgert nach draußen.
...
Leseprobe Dritter Sommer
Kapitel XV
...
Geriet der Juni schon zu einem in vielerlei Hinsicht erfreulichen Monat, so erwies sich der Juli als geradezu grandios. Einen besseren Ferienjob als im Plattenladen konnte es gar nicht geben, davon war Ruprecht bereits nach dem ersten Tag überzeugt. Zwar hatte er zunächst seine liebe Not mit der überdimensionalen Registrierkasse, am Vormittag vergaß er gleich mehrmals, den auf dem Etikett eingestanzten Barcode zu notieren oder vor dem Eintüten der LPs die Schutzhüllen zu entfernen, und am Abend bei der Abrechnung fehlten zehn Mark, die trotz mehrmaligen Nachzählens nicht wieder zum Vorschein kamen. Dennoch gab Lothar ihm mit auf den Heimweg, dass er seine Sache im großen und ganzen ordentlich gemacht habe.
Lothar war Anfang dreißig, er führte den zu einer bundesweiten Kette gehörenden Laden schon seit mehr als fünf Jahren, und Ruprecht hatte ihn bei seinen regelmäßigen Besuchen bisher immer als ein wenig kauzig empfunden. Dieser Eindruck bestätigte sich zunächst voll und ganz. Klein von Gestalt, untersetzt, aber nicht dick, Kurzhaarschnitt, Dreitagebart, dazu grundsätzlich in abgewetzter Jeans und bunt bedrucktem T-Shirt gekleidet, saß er die meiste Zeit hinten im Büro, die filterlose Zigarette vor sich im Aschenbecher abgelegt, blätterte in Katalogen oder ließ seine kleinen Schweinsäuglein misstrauisch über die in den diversen Fächern stöbernden Kunden gleiten. Im späteren Verlauf des Tages entdeckte Ruprecht jedoch, dass hinter der meist schroffen und mürrischen Schale ein freundlicher Kern steckte. Aufgewachsen war Lothar wie Ruprecht selbst auf einem Bauernhof, als eingefleischter Junggeselle lebte er dort nach wie vor mit seinen Eltern. Was ihn jedoch am sympathischsten machte, war sein Musikgeschmack: Lothar war Hardrock- und Heavy-Metal-Fan durch und durch, er hatte in den vergangenen fünfzehn Jahren Hunderte von Konzerten besucht und Uriah Heep noch mit David Byron auf der Bühne erlebt. „Das war 1975 hier in Oldenburg, Byron war sturzbetrunken, ein Trauerspiel“, erzählte er Ruprecht in der Mittagspause.
Jens, der einzige feste Mitarbeiter, war Genesis-Fan, in der Stadt aufgewachsen und ein komplett anderer Typ. Mitte zwanzig, groß, spindeldürr, langhaarig und meist ein spöttisches Lächeln auf den Lippen, hatte er mit Lothar eigentlich nur die Vorliebe für Blue Jeans und selbstgedrehte Zigaretten gemein. Von Jens erfuhr Ruprecht in den ersten Tagen alles, was er für seinen neuen Job wissen musste, und die beiden verstanden sich auf Anhieb.
Zu Ruprechts Aufgaben gehörte zwar in erster Linie das Kassieren, doch wenn wenig los war, stellte er auch die verkauften Platten nach, die in den Fächern jeweils nur einmal bereitstanden. Je nach Kundenandrang marschierte Lothar zwischen drei- und fünfmal am Tag nach vorn, schnappte sich die von Ruprecht handschriftlich geführte Liste und suchte die fehlenden Exemplare hinten aus dem Lager heraus. Alles, wofür es kein eigenes Fach gab, gehörte unter dem jeweiligen Buchstaben unter „Diverse“, wobei Ruprecht zwischen „Rock“ und „New Wave“ unterscheiden musste. „Im Zweifel frag’ lieber einmal zu viel als zu wenig“, hielt ihn Jens an. Nichts sei schlimmer, als wenn ein Kunde eine gesuchte LP nicht finden könne, weil sie falsch einsortiert sei.
Wochentags in den Ferien war meist kaum etwas los, so dass Ruprecht einen großen Teil der Zeit auf seinem Stuhl hinter der Kasse verbringen und einfach nur Musik hören konnte. Die Oberhoheit über das, was gespielt wurde, lag zwar bei Lothar, der hinten im Büro auch die Anlage bediente. Wenn er jedoch nicht gerade zur Verkaufsunterstützung aktuelle Sachen aus den Charts auflegte, fanden überwiegend neu eingetroffene Metal-Angebote den Weg auf den Plattenteller. Einmal am Tag hatte Ruprecht zudem einen Wunsch frei. Das erste Mal ließ er Abominog auflegen, woraufhin sich prompt ein Kunde anerkennend nach dem Album erkundigte und dann auch tatsächlich kaufte.
Die meisten Leute im Laden interessierten sich jedoch für andere Interpreten, von denen Ruprecht häufig noch nie etwas gehört hatte. Toto, Alan Parson’s Project und die Steve Miller Band, deren aktuelle Alben zu den Verkaufsschlagern gehörten, kannte er zumindest dem Namen nach, aber wer waren die Cars, David Lindley, Steve Winwood, Heinz Rudolf Kunze? Für Fragen standen Jens und Lothar jedoch immer zur Verfügung, und auch wenn Lothar einmal brummend anmerkte, dass es mit Ruprechts Allgemeinbildung in Sachen Popmusik offenbar doch nicht so weit her sei wie anfangs behauptet, erkannte er doch sein Bemühen an, die Defizite Schritt für Schritt zu beseitigen.
Die Gespräche über Musik und vor allem Musikgeschmack gehörten für Ruprecht stets zu den Höhepunkten des Tages. Lothar erwies sich in diesem Punkt als noch eingefahrener und puristischer als er selbst. Zwar verband sie die Vorliebe für härtere Klänge und die Meinung, dass Frauen nichts hinter einem Mikrofonständer zu suchen hatten, doch Lothars Ansicht, dass am besten auch jegliche Art von Tasteninstrumenten draußen bleiben sollten, ging Ruprecht dann doch zu weit. Uriah Heep ohne Keyboard oder Orgel? Für ihn völlig undenkbar.
Jens gab sich da wesentlich toleranter. Er konnte sich für vieles begeistern, darunter auch für so manches, das auf der bei Lothar völlig verpönten Neuen Deutschen Welle segelte. „Falco oder Bap, das is’ einfach nur gute Rockmusik mit deutschen Texten“, pflegte Jens zu sagen, wenn er neben Ruprecht an der Kasse saß und ein Kunde gerade Einzelhaft oder Für usszeschnigge gekauft hatte. Doch auch vor seinem Ohr fand nicht alles Gnade, was gefragt war. „Trio aus Großenkneten, der letzte Scheiß’“, kommentierte er einmal kopfschüttelnd. „Da muss man sich echt schämen, was vor der eigenen Haustür für Musik gemacht wird.“ Ruprecht pflichtete ihm bei und ließ sich bestätigen, dass auch die Musik von Joachim Witt, Fräulein Menke oder Foyer des Arts weit jenseits des guten Geschmacks lag.
Trotz der relativ festen Grenzziehung gelang es Ruprecht fast jeden Tag, den eigenen musikalischen Horizont zu erweitern. Großartig fand er zum Beispiel das Debütalbum von Asia, deren Hit Heat of the moment er aus den Discotheken kannte, und die, wie er eher zufällig beim Blick auf das fantasievoll gestaltete Cover feststellte, mit John Wetton ein Ex-Heep-Mitglied in ihren Reihen hatten. Als einfachem Ladenbesucher wäre ihm diese Verbindung wahrscheinlich entgangen. Lothars ungläubiger Blick, als er bekannte, bis auf Smoke on the water nichts von Deep Purple zu kennen, veranlasste ihn darüber hinaus, diese Lücke schleunigst zu schließen. Die Songs auf Who do we think we are?, dem letzten Album mit Ian Gillan und Roger Glover, das er an einem der ersten Abende mit nach Hause nahm, ließen ihn auf Anhieb zum Fan werden.
Als faszinierend empfand es Ruprecht auch immer wieder, die Leute im Laden zu beobachten. Gleich wenn sie hereinkamen, versuchte er abzuschätzen, was sie wohl fragen oder kaufen würden, manchmal schloss er darauf sogar kleine Wetten mit Jens ab. Als Einsatz dienten Eiskugeln vom Italiener gegenüber. Meist lag allerdings Jens mit seiner Prognose näher am tatsächlichen Ergebnis. Von einigen Leuten, die regelmäßig kamen, wusste er darüber hinaus Interessantes zu berichten. „Der ist seit zwei Monaten arbeitslos“, „Der kauft immer die neusten Sachen für seine Tochter, die im Rollstuhl sitzt“, „Der arbeitet für die Konkurrenz und spioniert unsere Preise aus“, raunte er Ruprecht zu, wenn er dessen fragenden Blick bemerkte.
Ganz besonders genoss Ruprecht es natürlich, wenn er unter den Kunden bekannte Gesichter entdeckte. Jeder, der von seinem neuen Job wusste und in der Innenstadt zu tun hatte, kam kurz vorbei und begrüßte ihn dann gleich freudig beim Eintreten. Sogar seine Eltern schauten eines Nachmittags mit Reinhard herein, und wenn ihnen das Ambiente, das ihren Sohn fast neun Stunden am Tag umgab, auch etwas fremd und exotisch vorkommen mochte, so ließen sie es sich doch nicht anmerken. Oft passierte es aber auch, dass jemand von der Schule oder aus Ruprechts Discotheken- und Fetenumfeld im Laden stand, ihn zunächst gar nicht wahrnahm und dann plötzlich stutzte. Gerade in solchen Momenten fand Ruprecht es spannend zu sehen, welche Alben ihm entgegengehalten wurden, und auch daraus entstand so manches Gespräch.
Zu regelmäßigen Gästen entwickelten sich Viola und Petra, die mindestens zweimal in der Woche für einige Minuten oder auch eine halbe Stunde neben Ruprecht an der Kasse standen. Lothar schaute dann immer etwas argwöhnisch aus seinem Büro herüber, sagte aber nie etwas. Jens dagegen lud sie einmal sogar mit zu dem Eis ein, das er ausnahmsweise an Ruprecht verloren hatte. „Kommen deine Freundinnen nicht mehr?“ fragte er ein anderes Mal, als Viola und Petra drei Tage am Stück nicht erschienen waren. Ruprecht fühlte sich geschmeichelt, konnte aber nur mit den Schultern zucken. An den Wochenenden sah er die beiden nur noch unregelmäßig, da Viola sich allem Anschein nach Ruprechts und Thorstens Motto zu eigen gemacht hatte und mit in schnellem Abstand wechselnden Partnern umherzog. Petra mit ihren vierzehn Jahren bekam dagegen nur Ausgang, wenn ihre Schwester dabei war.
Zu den weiteren Höhepunkten des Monats zählte für Ruprecht zweifellos die Endphase der Fußballweltmeisterschaft in Spanien. Das zwei zu eins der deutschen Mannschaft gegen den Gastgeber in der zweiten Finalrunde verfolgte er ebenso begeistert wie drei Tage später das anschließende null zu null der Spanier gegen England, das der Elf von Trainer Jupp Derwall den Einzug ins Halbfinale ebnete. Damit war nach dem peinlichen eins zu zwei gegen Algerien und dem schmeichelhaften eins zu null gegen die Österreicher in der Vorrunde nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Es folgte das an Dramatik kaum zu überbietende Frankreichspiel mit dem unglücklichen Foul von Torhüter Toni Schumacher an Patrick Battiston, dem innerhalb von Minuten entstandenen und egalisierten Zwei-Tore-Rückstand in der Verlängerung und dem glücklichen Ende im Elfmeterschießen, als Schumacher gleich zweimal erfolgreich abwehren konnte. Die anschließende Niederlage im Finale gegen Italien schmerzte Ruprecht zwar, konnte seine gute Laune aber nur für kurze Zeit trüben.
Das Wetter im Juli war fast durchgehend gut, wenn auch für die Jahreszeit mitunter etwas kühl. Das Gras auf den Wiesen wuchs trotzdem weiter und das Getreide auf den Feldern reifte heran, so dass Ruprechts Arbeitskraft auch zuhause gefordert blieb. Eine frisch gemähte Fläche, die dringend gekreiselt werden musste, ein neu angelegter Silohaufen, der darauf wartete, mit Planen bedeckt zu werden oder ein noch abzuladendes Fuder Stroh – etwas zu tun gab es fast immer, wenn er abends aus dem Laden kam. Blieb trotzdem noch etwas Zeit, verabredete sich Ruprecht hin und wieder mit Thorsten, Holger und Bernd zum Schwimmen im Sandersfelder See.
...
Leseprobe Vierter Sommer
Kapitel XX
„... und kommen hierauf zu gegebener Zeit zurück“ war die häufigste Standardantwort, die Ruprecht neben drei ähnlich pauschal formulierten Absagen auf seine unmittelbar vor Ende der Sommerferien abgesandten Bewerbungen erhalten hatte. Tatsächlich kam Anfang September Bewegung in die Sache. Sowohl die Landessparkasse zu Oldenburg als auch die Bremer Bank in Bremen luden ihn zum schriftlichen Eignungstest. Obwohl er anfänglich sehr nervös war, stellte Ruprecht schnell fest, dass er sich den schriftlich gestellten Aufgaben in aller Regel gewachsen fühlte. Mathematik, insbesondere Logik und Dreisatz, waren gefordert, daneben gute Rechtschreibkenntnisse, und damit hatte er ebenso wenig Probleme wie mit ein wenig politischer Allgemeinbildung. „Nennen Sie alle Ministerpräsidenten deutscher Bundesländer, die Ihnen einfallen“, lautete etwa eine der Fragen im Sparkassentest. Von A wie Ernst Albrecht bis Z wie Werner Zeyer brachte Ruprecht alle elf zu Papier.
Schnell lernte er, eine Absage auf den ersten Blick zu erkennen: Große DIN-A-4-Umschläge enthielten grundsätzlich schlechte Nachrichten; lag mittags nur ein kleiner Brief auf dem Schreibtisch, war er eine Runde weiter. Einen solchen Brief hatte ihm die Bremer Bank als Reaktion auf seinen Eignungstest geschrieben. Die Personalleitung bat ihn zur Teilnahme an einem Gruppengespräch. „Was passiert da?“ fragte er am nächsten Tag in der Schule Oliver. Dessen Mutter musste das schließlich wissen. Doch der zuckte nur mit den Schultern. „Was soll da schon passiern?“ fragte er zurück. „Die laden alle Leute mit guten Testergebnissen ein, und wer im Gespräch den besten Eindruck macht, den nehmen sie eben.“
Auf Ruprechts Kopfhaut begann es zu kribbeln, ein untrügliches Zeichen tiefer Verunsicherung. Wie sollte er in einem Gespräch, in dem er vermutlich vor Nervosität kaum die Zähne auseinander bekam, einen guten Eindruck machen? Und was sollte er anziehen?
„Willst du unbedingt zur Bremer Bank?“ fragte Oliver. Ruprecht verneinte. Wenn schon Bank, dann möglichst in Oldenburg.
„Na, ist doch prima“, fuhr Oliver fort. „Dann geh ganz entspannt hin, guck’ dir an, wie so was läuft, und wenn’s nicht klappt, überlegst du dir, was du beim nächsten Mal besser machen musst.“
Das klang plausibel.
Auf der Zugfahrt ließ Ruprecht sich immer wieder durch den Kopf gehen, was er sagen wollte. „Es gibt so viele Berufe, warum wollen Sie ausgerechnet Bankkaufmann werden?“ war sicher die erste Frage, die ihm und seinen Mitbewerbern gestellt würde. Je überzeugender er sie beantwortete, desto größer seine Chancen. „Mich interessiert alles, was mit Geld zu tun hat“, würde er also mit gewichtiger Miene sagen und „Genau genommen alles, was mit Wirtschaft zu tun hat“ ergänzen. Schließlich wollte er nicht den Eindruck erwecken, Geld bedeute ihm alles. Natürlich war sein Interesse für beide Themen geheuchelt, aber das würden die anderen bestimmt genauso machen.
Um bei Nachfragen nicht sofort entlarvt zu werden, las er seit Wochen intensiv den Wirtschaftsteil der Nordwest-Zeitung und hatte sich sogar einmal eine Ausgabe der Wirtschaftswoche gekauft. Er wusste seither ansatzweise um die Probleme, die ein steigender US-Dollar der Weltwirtschaft bereitete, und er kannte die Probleme der vom Konkurs bedrohten AG Weser, auch wenn er viele Begriffe, die ihm beim Studium der dazugehörigen Artikel um die Ohren geschlagen wurden, noch nie gehört hatte und auch nicht recht verstand. Immerhin, wie eine Bank funktionierte, das konnte er dank Olivers Hilfe in groben Zügen skizzieren: Viele Sparer liehen der Bank Geld, die es wiederum an ihre Kreditnehmer weiterreichte. „Von der Zinsdifferenz lässt es sich ganz gut leben“, würde er wissend kommentieren, dabei aber – das hatte Oliver ihm eingeschärft – peinlich genau darauf achten, dass seine Worte auf gar keinen Fall nach Systemkritik klangen.
Eine Viertelstunde vor der angegebenen Uhrzeit betrat er die Bank und meldete sich beim Pförtner. Er war nicht der erste, drei andere Bewerber warteten bereits in einer Ecke des Vorraums. Ruprecht musterte sie flüchtig und atmete beruhigt auf. Mit seiner neuen schwarzen Jeans, dem weißen Hemd und dem roten Pullover mit V-Ausschnitt war er zwar beileibe nicht der am elegantesten gekleidete Kandidat in der Runde, aber er hatte auch nicht das Gefühl, unangenehm aufzufallen. Am Schluss waren sie zu acht, darunter drei Mädchen.
Eine Frau in elegantem Kostüm, dem Anschein nach nur wenige Jahre älter als er selbst, nahm sie in Empfang. Die Mitarbeiterin aus der Personalabteilung – ihren Namen hatte Ruprecht sofort wieder vergessen – führte die Gruppe eine Treppe hinauf zu einem Raum, in dem bereits zwei weitere Bankmitarbeiter, ein vielleicht vierzig Jahre alter Mann und eine Frau Mitte Zwanzig, deren Namen Ruprecht ebenfalls nicht behalten konnte, auf sie warteten. Beide waren bemüht, die von Ehrfurcht gekennzeichnete Atmosphäre durch eine betont lockere Ansprache zu entspannen, doch das gelang nur bedingt.
Nachdem alle auf den in Kreisform angeordneten Stühlen Platz genommen hatten, gab es zunächst einige allgemeine Informationen zur Bremer Bank. Dann begann die Vorstellungsrunde. Ruprecht nannte wie die anderen Namen und Wohnort und die Schule, die er besuchte. Zu seiner Überraschung folgte als nächstes keinesfalls die von ihm erwartete Bitte, den Berufswunsch Bankkaufmann näher zu erläutern. „Was machen Sie so in Ihrer Freizeit?“ fragte der Ältere betont harmlos und sah den Ersten in der Runde freundlich an. Der erzählte ausführlich von seinem Handballverein, in dem er bereits seit der G-Jugend aktiv sei und der sich für die laufende Saison den Aufstieg in die nächsthöhere Klasse vorgenommen hatte. Die Jüngere machte fleißig Notizen.
Ruprecht verfiel in Panik. Auf diese eigentlich naheliegende Frage war er nicht vorbereitet. Was sollte er sagen? Dass er, wenn die Arbeit für Schule, Plattenladen und auf dem Bauernhof beendet war, am liebsten vor seiner Stereoanlage saß und dann leidenschaftlich gern Heavy Metal hörte? Oder manchmal auch einfach nur so vor dem Fernseher abhing? Wie würde das ankommen nach all den Erzählungen über Sportvereine, Jugendchöre und die Mitgliedschaft in der Jungen Union?
„Ich lese gern“, stieß er in seiner Hilflosigkeit hervor, als die Reihe an ihn kam.
„Sie lesen gern“, wiederholte der Ältere, als Ruprecht nach diesen drei Worten abrupt verstummte. „Was lesen Sie denn so zum Beispiel?“
„Na, so alles mögliche“, fuhr Ruprecht fort. Comics durfte er nicht sagen. Oder doch? „Von Asterix über George Orwell bis zu Goethe und Schiller.“ Das war nicht gelogen. Im Englisch-Leistungskurs nahmen sie gerade 1984 durch, in Deutsch standen Schillers Räuber auf dem Programm. Die Jüngere machte fleißig Notizen.
Weitere Nachfragen gab es nicht. Nummer Acht in der Runde, ein recht hübsches Mädchen mit langen blonden Locken, erzählte von ihrem Tennisverein, der – welch merkwürdiger Zufall – ebenfalls gerade um den Aufstieg in die nächsthöhere Klasse kämpfte.
In den folgenden Fragerunden gelang es Ruprecht nicht, den verlorenen Boden gutzumachen. Auch nicht, als es um bankspezifische Themen ging. In welcher Abteilung sie gern arbeiten würden, lautete die Frage, die vom Junge-Union-Typen prompt mit „Dort, wo ich möglichst viel Kundenverkehr habe, schließlich ist Bankkaufmann ein verkäuferischer Beruf“ beantwortet wurde.
„Das ist wahr“, nickte die Jüngere. „Es gibt aber auch viele Einsatzmöglichkeiten ohne Kundenverkehr, zum Beispiel in der elektronischen Datenverarbeitung.“ Diesen Ball nahm Ruprecht auf. Er könne sich sehr gut vorstellen, in einem Bereich ohne Kundenverkehr zu arbeiten, antwortete er ebenso wahrheitsgemäß wie notgedrungen. Gegen die redegewandten Verkäufer in der Runde, die auf die andere Seite strebten, hatte er ohnehin keine Chance, das spürte er.
Die Absage, die ihn wenige Tage später erreichte, kam nicht überraschend. Von den ursprünglich sechzehn geschriebenen Bewerbungen hatten sich somit bereits sieben erledigt. Immerhin, außer bei der örtlichen Raiffeisenbank und einigen Oldenburger Instituten war er auch noch beim Amtsgericht Oldenburg im Rennen. Tag für Tag hoffte er auf eine Einladung zu einem Einstellungstest, doch nichts geschah. Die Warterei zerrte an seinen Nerven. Gleichwohl beschloss er, diesen Umstand zunächst einmal als ein positives Zeichen zu werten. Kein Brief war in jedem Fall besser als ein dicker Brief.
...
Kapitel XXII
...
Dann war der große Tag da. Die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Direktor Blixen seine Abschiedsworte an die scheidenden Schüler richtete. Stolz, Leistung, Achtung, Zukunft, Weichen, Studium, Ausbildung, Freiheit, Spielregeln, Erfahrungen, Erinnerung, Wehmut – es waren nur vereinzelte Schlagworte, die mit jeweils leichtem Zeitverzug in Ruprechts Kopf ankamen, und er gab sich wenig Mühe, den darin liegenden tieferen Sinn zu verstehen. Es folgten Chor, Orchester und ein Vertreter der Schulbehörde, der inhaltlich jedoch kaum etwas anderes zu bieten hatte als sein Vorredner. Erst als Frerk im schwarzen Frack ans Pult trat, um seine bereits im Vorfeld als „launig“ angekündigte Abiturientenrede zum Besten zu geben, schalteten Ruprechts Sinne wieder auf Aufnahme.
„Meine hochverehrten Zuschauer, Elternteile, Ausbilder und Funktionäre! Seid gegrüßt, Gescheite und Gescheiterte! Wissbegieriger Nachwuchs! Sehr geehrte Schulleitung!“ begann Frerk unter Ignorierung sämtlicher dem Anlass angemessen erscheinenden Begrüßungsformeln und erreichte damit, dass es in der Aula binnen Sekunden mucksmäuschenstill wurde. In der folgenden Viertelstunde zog Frerk alle Register seines Ruprecht schon vorher bekannten komödiantischen Könnens: Er zitierte diverse Male Heinz Erhardt, dem er in seinem Aufzug mit dem hinter einer dicken Hornbrille versteckten runden Gesicht erstaunlich ähnlich sah, er lästerte lustvoll über bis nach Oldenburg reichende bürokratische Auswüchse in der niedersächsischen Schulpolitik, er würdigte Oberstufenkoordinator Sendler als unerschrockenen „Tarzan des Paragraphendschungels“ und steuerte dann mit einem brachialen Seitenhieb auf Direktor Blixen dem Finale entgegen.
„Sehen Sie nicht, dass ich noch nicht fertig bin?“ herrschte er einen als Putzfrau verkleideten Schüler an, der Sekunden zuvor – mit laufendem Staubsauger an der Hand – die Tür zur Aula aufgestoßen hatte. „Gehn Sie doch erst mal auf den Pausenhof, Jogurtbecher aufsammeln!“
Jogurtbecher, das war das Stichwort, bei dem keiner der anwesenden Schüler ruhig bleiben konnte: Direktor Blixens nimmermüde Appelle, im Schulalltag mit dem Aufheben achtlos weggeworfener Jogurtbecher Verantwortungsbewusstsein fürs Leben einzuüben, waren schließlich legendär. „Ich weiß, dass Sie glauben zu begreifen, was ich nach Ihrer Meinung gesagt haben soll, aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was gemeint war“, schloss Frerk und verließ unter tosendem Applaus die Bühne.
Nach dem Sektempfang verbrachte Ruprecht den größten Teil des Nachmittags mit Aufräumarbeiten in der Schule, anschließend ging es auch schon weiter zum Abiball ins benachbarte Hundsmühlen. Danach war unwiderruflich Schluss, das wusste er und hielt sich die Einmaligkeit des Augenblicks wieder und wieder vor Augen, wenn er mit Lehrern und ehemaligen Mitschülern auf die Zukunft anstieß oder sich auf der Tanzfläche austobte. Obwohl er jede Zutraulichkeit vermied, verbrachte er dabei viel Zeit mit Katja, der er am Ende versprach, sie auf seinem Rückweg aus Frankreich in Süddeutschland zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt hatten seine Eltern und auch Oliver, dem Ruprecht das gegebene Versprechen noch verkaufen musste, die Veranstaltung längst verlassen; die aufreibende Suche nach einer Mitfahrgelegenheit begann. Als diese endlich gefunden war und Ruprecht als einer der Letzten im Auto saß, schlug seine am Ende eher mühsam aufrecht erhaltene Euphorie in bleierne Müdigkeit um. Er wehrte sich kurz, schlief aber noch während der Fahrt ein.
Leseprobe Fünfter Sommer
Kapitel XXIV
Dreitausendneunhundertsiebenunddreißig Komma Drei Kilometer. So lautete der Tachostand, als Oliver Ruprecht am nächsten Morgen an der selben Stelle vor der Garage des Rüdebusch-Hofes absetzte, an der dieser drei Wochen zuvor zugestiegen war. Die Heimat hatte ihn wieder, worüber sich erwartungsgemäß niemand erfreuter zeigte als Ruprechts Mutter. Außer Thoelke natürlich, der aufgeregt um die Ankömmlinge herumsprang und mit hektischem Bellen jeden Versuch einer Kommunikation im Keim erstickte. Ruprecht lud seine Sachen aus und setzte sich dann mit Oliver an den gedeckten Frühstückstisch. Geduldig beantwortete er die Fragen seiner Mutter, beschränkte sich dabei aber in gewohnter Weise auf das absolut Notwendige, das Oliver an einigen Stellen ausführte und ergänzte. Details wie Ruprechts Grabensprung oder Katjas Abschiedsschmerz spielten dabei freilich keine Rolle.
Die bis zum Ausbildungsbeginn noch verbleibenden Tage verbrachte Ruprecht damit, sich gedanklich auf den vielleicht größten Schnitt in seinem bisherigen Leben einzustimmen. Dazu gehörte zum Beispiel, dass er seinen Kleiderschrank von den verschiedensten Altlasten befreite und komplett neu sortierte. Im Sommerschlussverkauf waren zu seiner Garderobe einige Hemden, Hosen, Sakkos und sogar ein kompletter Anzug hinzugekommen – Kleidungsstücke, die er künftig statt Jeans und Sweat-Shirt täglich würde tragen müssen. Psychologisch war diese Veränderung vielleicht sogar die größte Hürde, die es zu überwinden galt. Ein Heavy-Metal-Fan in Schlips und Kragen, dazu womöglich noch die verhasste, mitunter leider unverzichtbare Brille auf der Nase, das ließ sich nur schwer mit Ruprechts Selbstbild in Einklang bringen. Deshalb hatte er erleichtert auf die Mitteilung der Raiffeisenbank reagiert, dass Krawatten an seinem neuen Arbeitsplatz zwar üblich und gern gesehen, aber nicht obligatorisch waren. Vor diesem Hintergrund blieben alle gutgemeinten Versuche seiner Mutter, ihn doch noch zum Kauf eines Binders zu überreden, zum Scheitern verurteilt.
Der 1. August war ein Mittwoch. Am Vorabend ging Ruprecht zwar deutlich früher zu Bett als üblich, tat sich aber mit dem Einschlafen schwer. Entsprechend ausgelaugt fühlte er sich, als seine Mutter ihn morgens um kurz nach halb sieben weckte. Mit dem bedeutungsschweren Victims of the future von Gary Moore versuchte er, sich auf die Anforderungen des Tages einzustimmen. Das gelang ihm eher unvollkommen, und am liebsten hätte er sich nach dem Anziehen – graue Stoffhose, hellblaues Hemd, dunkelblaues Jackett – gleich wieder ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen. Doch das war völlig indiskutabel, und deshalb beschloss er, nach außen hin so zu tun, ob würde er sich auf das, was ihn erwartete, zumindest ansatzweise freuen. „Du schaffst das, du schaffst das, du schaffst das“, hämmerte er sich wieder und wieder ein, bis er am Ende tatsächlich daran glaubte.
Was ihm auf der Fahrt zur Bank ein Stück Sicherheit gab, war die Tatsache, dass er nicht zum ersten Mal einen ersten Tag erlebte. In drei Schulen, auf der Ziegelei, auf dem Amtsgericht, im Plattenladen, irgendwie hatte es immer funktioniert. Er würde seinen Namen sagen, sich mit bis dahin fremden Menschen bekannt machen lassen und tun, was von ihm verlangt wurde. Niemand käme auf die Idee, ihn zu überfordern, nicht am ersten Tag und sehr wahrscheinlich auch nicht an den folgenden Tagen. Tausende von Schulabgängern begannen an diesem Augustmorgen ihre Ausbildung, und er, Ruprecht Rüdebusch, war ganz gewiss nicht dümmer als die meisten anderen. Ruprecht atmete tief durch. Caught in the fight for survival, trapped with our backs to the wall, shadows of the past, victims of the future. Du schaffst das, du schaffst das, du schaffst das.
Es waren mehr Hände als je zuvor, die Ruprecht bei diesem ersten Mal schütteln, mehr Schriftstücke, die er unterzeichnen, mehr Eindrücke, die er bewältigen musste. Dazu Fragen über Fragen: Sollte er seinen sehr elegant in Anzug und Krawatte gewandeten, etwas hochnäsig wirkenden Mitlehrling duzen oder siezen? Wie die anderen Mitarbeiter ansprechen, die mitunter nur wenige Jahre älter waren als er selbst? Was fiel alles unter das Bankgeheimnis? Durfte er beispielsweise an seine Oma die schon vor Wochen vertraulich erbetene Information weitergeben, ob ihre Nachbarin eine höhere Rente bekam als sie selbst? Welches interne, künftig bei allen bearbeiteten Vorgängen zu verwendende Namenskürzel sollte er wählen? Rü für Rüdebusch war schon vergeben. Welcher Krankenkasse sollte er beitreten? Und wo einen Vertrag über Vermögenswirksame Leistungen abschließen?
Auf die meisten Fragen fand sich schnell eine Antwort. Klaus, der zweite neue Auszubildende, der ein Jahr älter war als er selbst und nach der Realschule zunächst eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in einem Bekleidungsgeschäft absolviert hatte, sprach ihn ganz selbstverständlich mit „Du“ an. Die anderen Lehrlinge und einige jüngere Mitarbeiter taten das ebenfalls und vermittelten Ruprecht damit schnell das Gefühl, dazuzugehören. RR war ein prägnantes Kürzel, das ihm prompt den Spitznamen Rolls-Royce eintrug. Herr Freese, einer der leitenden Angestellten der Bank, gab sich als Ansprechpartner für die DAK zu erkennen, womit das Krankenkassenproblem gelöst war, und gleich nach der Mittagspause, die er zuhause verbrachte, setzte Ruprecht seine Unterschrift unter einen Sparvertrag, auf den die Bank künftig unabhängig vom siebenhundertneunundvierzig Mark betragenden Bruttoverdienst weitere zweiundfünfzig Mark pro Monat einzahlte. Das gefiel ihm natürlich, ebenso wie die Tatsache, dass das erste Gehalt bereits zur Monatsmitte auf seinem neu eingerichteten Girokonto verfügbar sein würde.
Der Nachmittag verstrich schneller als erwartet, Ruprecht meldete sich freiwillig für den Postdienst und ließ sich in der letzten halben Stunde seines ersten Arbeitstags von Urte, der frisch ins zweite Lehrjahr aufgerückten Auszubildenden, erklären, was es dabei im einzelnen zu tun und zu beachten gab.
„Sie kommen zurecht?“ fragte kurz vor Geschäftsschluss Herr Lindemann, einer der beiden Vorstände.
Ruprecht nickte. Er kam zurecht.
In den folgenden Tagen fand Ruprecht Schritt für Schritt in seine Genieße-jeden-Tag-jede-Stunde-jede-Minute-Haltung zurück, die ihm in den Wochen zuvor aus Angst vor dem Unbekannten etwas abhanden gekommen war. Mit Klaus und Urte freundete er sich genauso schnell an wie mit Susann, der Auszubildenden im dritten Lehrjahr, und mit Sven, der soeben seine Lehre abgeschlossen und für Anfang Oktober seine Einberufung zum Grundwehrdienst erhalten hatte. Mit Sven, seinem hilfsbereiten Retter in jener kalten Februarnacht, in der er zum ersten Mal Viola begegnet war, verbrachte Ruprecht in den folgenden Wochen die meiste Zeit: Beide arbeiteten in der Sparabteilung, und Sven zeigte ihm neben vielem anderem, wie man Sparbücher und Wachstumssparkonten eröffnete, am Terminal Ein- und Auszahlungen auf dem Sparbuch vornahm und Verträge zugunsten Dritter abschloss.
„Hast du eigentlich noch viel Kontakt zu Thorsten?“ fragte Sven eines Vormittags, während sie nach Kontonummern sortierte Saldenmitteilungen in die dazugehörigen Fächer sortierten.
Ruprecht schüttelte den Kopf. „Mit dem ist nicht mehr viel los, der hat schon fast zwei Jahre lang 'ne feste Freundin.“
Sven lachte. „Was ist denn das für 'ne Logik? Ich hab' seit drei Jahren 'ne feste Freundin. Bin ich deshalb vielleicht ein Oberlangweiler?“
„Das hab' ich nicht gesagt“, erwiderte Ruprecht. „Ich stelle nur fest, dass Thorsten auf dem besten Weg dahin ist.“
„Und du? Hältst es mit keiner lange aus, hört man. Ist das dein Weg, Langeweile zu vertreiben?“
Ruprecht zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, antwortete er dann betont vergnügt. „Im Moment gefällt's mir jedenfalls. Wine, women and song, was soll daran falsch sein?“
„Wein was?“
„Wine, women and song. Wein, Weib und Gesang. Whitesnake. Nie gehört?“
„Whitesnake, doch, doch. Is' aber nicht unbedingt so meine Musik, ich hör’ lieber modernere Sachen.“ Svens Blick wanderte Richtung Tresen. „Kundschaft. Gehst du?“
Ruprecht wandte sich um. „Klar“, grinste er. „Ich will ja noch was lernen.“ In der folgenden Viertelstunde eröffnete er zum ersten Mal ganz alleine ein neues Sparbuch und war für den Rest des Vormittags mächtig stolz darauf.
Genieße-jeden-Tag-jede-Stunde-jede-Minute und Wine, women and song, das passte zusammen. Gleichwohl gab es immer wieder Situationen, in denen Ruprecht schmerzhaft bewusst wurde, dass die nach außen demonstrativ zur Schau gestellte Zufriedenheit mit seiner privaten Situation in Wahrheit nur Fassade war. Nicht nur Sven, auch Klaus, Urte und die meisten anderen der neuen Kollegen lebten seit Jahren in einer festen Beziehung, weshalb in den während der Arbeitszeit geführten Gesprächen früher oder später immer ganz selbstverständlich das Wörtchen „wir“ fiel. Dem „wir waren“, „wir haben“ oder „wir wollen“ konnte Ruprecht jedes Mal nur ein trotzig-individuelles „ich“ entgegensetzen.
„Wir“. Gern, nur zu gern hätte Ruprecht dieses wohlklingende Wort in einem Atemzug mit dem Namen Erika benutzt. Weil er die Hoffnung, Beas Freundin doch noch von seinen Vorzügen überzeugen zu können, allen guten Ratschlägen zum Trotz nicht aufgeben wollte, hatte Ruprecht seinen privaten Schwerpunkt nach dem Frankreichurlaub beinahe vollständig auf ihr Umfeld abgestimmt. Mit Lars und André spielte er regelmäßig Skat; Bea besuchte er in erster Linie, weil die Wahrscheinlichkeit groß war, dort auch Erika anzutreffen. Beide Lager hielten ihn über die neuesten Entwicklungen an der Schule auf dem Laufenden, und hin und wieder gelang es Ruprecht sogar, Lars zu einer gemeinsamen Aktion mit ihm, André und den beiden Mädchen zu bewegen. Was auch immer sie jedoch unternahmen, Erika blieb unnahbar wie eh und je.
Sein Versprechen, Katja zu schreiben, hatte Ruprecht gleich in der zweiten Ausbildungswoche eingelöst. Sie antwortete prompt, und Ruprecht fand schnell Gefallen an dem Gedanken, eine mit keinerlei Verpflichtungen verbundene Brieffreundschaft mit Leben zu füllen. Er nahm sich vor, dasselbe mit Oliver zu versuchen, wenn dieser Anfang Oktober seinen Dienst bei der Bundeswehr aufgenommen hatte. Doch so weit kam es nicht. Bei der Einstellungsuntersuchung diagnostizierte ein Truppenarzt rätselhafte Herz- und Kreislaufprobleme, die bei der Musterung noch nicht zutage getreten waren. Der Bescheid, auf unbestimmte Zeit zurückgestellt zu sein, brachte die Planungen seines Freundes nur für kurze Zeit durcheinander: Gleich am nächsten Tag bewarb sich Oliver um einen Studienplatz für Betriebswirtschaft und erhielt wenig später die Zusage für seinen Wunschstandort Braunschweig.
Die unverhohlene Vorfreude auf ein lockeres Studentenleben, die Oliver und Katja in ihren Briefen und Erzählungen anklingen ließen, schürten in Ruprecht eine Unzufriedenheit, die er noch wenige Wochen zuvor so nicht erwartet hätte, und die sich von Tag zu Tag stetig steigerte. Missmutig malte er sich aus, wie es wäre, denselben Weg gegangen zu sein. Auszug von zuhause, eigenes Zimmer in einer fremden Stadt, neue Bekanntschaften mit Gleichgesinnten, wilde Feten, morgens lange schlafen, dazwischen ab und an eine Vorlesung, kurz: ein völlig anderer Tagesablauf als jener, den er als Bankkaufmann in Ausbildung noch mindestens dreiundzwanzig Monate lang zu führen gezwungen war. Wecken um zwanzig vor sieben. Frühstück in Anzug und Hemd. Fahrt zur Bank, Kontoauszüge einsortieren. Mit der Kuriertasche zum Postamt laufen. Auf Kunden warten, die etwas aufs Sparbuch einzahlen oder einen Sparbrief einrichten wollten. Handlangertätigkeiten. Fahrt zum Mittagessen nach Hause, zwanzig Minuten Musikhören. Zurück in die Bank. Langeweile bis um half fünf, Donnerstags bis um sechs. War das das Leben, für das er dreizehn Jahre lang gelernt hatte?
„Was hast du erwartet?“ fragte Lars, der als einer der ersten Ruprechts Unzufriedenheit bemerkte. „Jeder fängt klein an, und ’ne Banklehre ist doch heutzutage wie’n Sechser im Lotto. Ich tausch’ sofort mit dir, wenn du keine Lust mehr hast.“ Ruprecht, dem nicht zum Scherzen zumute war, verzog keine Miene. Nur zu gern hätte er Lars beim Wort genommen, ein zweites Mal die dreizehnte Klasse durchlaufen und nebenbei im Plattenladen gejobbt. Doch natürlich wäre das nur eine Lösung auf Zeit, und sein eigentliches Problem damit nicht aus der Welt. Womit sollte er die nächsten zehn, zwanzig, ja vierzig Jahre seines Lebens zubringen? Worin lag seine Bestimmung? Diese Frage nahm zunehmend sein Denken ein und überlagerte zeitweise sogar die Furcht, den zu Ende gehenden Sommer wie in den beiden vorangegangenen Jahren ohne feste Freundin hinter sich lassen zu müssen.
In Ruprechts Augen gab es für sein Problem nur zwei Lösungsmöglichkeiten: durchhalten oder hinwerfen. Doch was käme danach? Bundeswehr? Studium? Was für ein Studium? Betriebswirtschaft? Ausgeschlossen. Wenn er schon hinwarf, dann nur, um etwas völlig anderes zu beginnen. Jura? Das wäre die naheliegendste Antwort, aber besaß er wirklich die nötige Souveränität, um als Richter oder als Rechtsanwalt in Aufsehen erregenden Strafprozessen zu überzeugen? Eine Karriere als Fachanwalt für Steuer- oder Verwaltungsrecht erschien ihm wenig erstrebenswert. Da konnte er genauso gut in der Bank bleiben.
Was war mit der anderen Seite der Strafverfolgung? Gab es für ihn eine Möglichkeit, bei der Polizei Karriere zu machen? Ein reizvoller Gedanke, den Ruprecht bei näherer Betrachtung dennoch schnell wieder verwarf. Um mit gezogener Pistole auf Verbrecherjagd zu gehen, dafür fehlten ihm jegliche Voraussetzungen, und die Aussichten, nach einer wie auch immer gearteten Ausbildung einen völlig ungefährlichen Posten als Phantombildzeichner zu ergattern, waren einfach zu vage. Also doch Jura. Oder nicht? Oder?
Der Zwiespalt begleitete Ruprecht vom Aufstehen bis zum Schlafengehen und häufig sogar darüber hinaus. Manchmal wusste er morgens auf dem Weg zur Bank nicht, ob er den Tag noch als Auszubildender beenden würde oder ob er bereits am Mittagstisch Rechenschaft darüber ablegen musste, warum er fristlos gekündigt hatte. Seine Eltern wären über einen solchen Schritt entsetzt, keine Frage. Doch es ging um ihn, um nichts und niemanden anderes. Was war das Beste für ihn? Eine Frage, auf die auch seine Plattensammlung keine rechte Antwort gab. Nichts dokumentierte stärker Ruprechts Zerrissenheit als der wochenlang geführte Wettstreit vor seinem inneren Ohr. Mal schloss er sich den Einflüsterungen des Wise man an, einem seiner liebsten Heep-Songs der Lawton-Ära: Keep on living, loving, waiting your turn, it’s the only way to ease your concern. Nur Augenblicke später identifizierte er sich bereits wieder mit Sammy, den zum Aufbruch aufgeforderten Pechvogel aus dem Queen-Song Spread your wings: Pull yourself together, ‘cos you know you should do better, that’s because you’re a free man.
...
Die Website zum Buch